Schlagwort: Selbstwahrnehmung

Sich auf den eigenen Weg machen: Die Kunst der Lebenspfadfinderei. Interview mit Christina Münk

Weshalb ist die philosophische Reflexion so spannend für die Persönlichkeitsentwicklung?

Sokrates soll gesagt haben: „Nur ein geprüftes Leben ist es wert, gelebt zu werden“. Mir gefällt diese ziemlich radikale Aussage. Ich würde sagen, dass Selbstreflexion und das Prüfen von Meinungen, Gewohnheiten und Üblichkeiten die Basis für eine selbstbestimmte Lebensgestaltung sind. Insofern ist die philosophische Reflexion für mich nicht nur eine Denkmethode, sondern eine grundlegende Haltung – eine Art, in der Welt zu sein, die ich auch in meinen Veranstaltungen vermitteln möchte.

Dr. Christina Münk ist Philosophin und Heilpraktikerin für Psychotherapie. Seit 15 Jahren leitet sie Veranstaltungen zur persönlichen Entwicklung und bewussten Lebensführung.

Dr. Christina Münk ist Philosophin und Heilpraktikerin für Psychotherapie. Seit 15 Jahren leitet sie Veranstaltungen zur persönlichen Entwicklung und bewussten Lebensführung.

Welcher Wunsch steht hinter dieser Haltung? Geht es darum „bei sich selbst anzukommen“ – ist das überhaupt ein erreichbarer Zustand?

Christina Münk: In der Existenzphilosophie, die mich sehr geprägt hat, wird die Vorstellung, man könnte bei sich selbst ankommen und wäre dann sozusagen fertig, als Illusion kritisiert. Das sehe ich auch so: Wir sind als Menschen niemals fertig. Solange wir leben, sind wir nie vollständig angekommen – und dieser Gedanke ist zugleich beunruhigend und befreiend!

Denn das bedeutet einerseits, dass wir uns von der Vorstellung verabschieden müssen, ein glückliches Leben bestehe darin, in totaler Selbstzufriedenheit, ohne Zweifel und innere Konflikte einfach „man selbst“ zu sein. Dafür sind wir als Wesen mit Bewusstsein einfach nicht gemacht. Andererseits heißt das aber: Es ist nie zu spät, sich zu verändern und dem eigenen Weg eine neue Richtung zu geben.

… und wie kann das gelingen?

Christina Münk: Am Anfang stehen Selbstreflexion und Selbsterkenntnis. Und zur Frage nach dem Ziel fällt mir die Formulierung ein „mit sich selbst einverstanden sein“. So hat der Philosoph Peter Bieri die Voraussetzung für ein gutes Leben beschrieben. Gemeint hat er damit, dass wir in unserem Denken, Fühlen, Wollen und Handeln immer mehr zu der Person werden können, die wir sein möchten. Das bedeutet: Durch Reflexion und innere Arbeit können wir unser Leben immer mehr in Einklang mit unseren eigenen Werten bringen. Dieses Einverstanden-Sein mit sich ist kein statischer Idealzustand, sondern ein dynamischer, unperfekter Prozess – eine lebenslange Aufgabe, aber eine sehr lohnende.

Sie betonen hierfür die Relevanz von Achtsamkeit, Selbstwahrnehmung und innerer Arbeit – sehen Sie darin auch eine Antwort auf gesellschaftliche Krisen?

Christina Münk: Ich bin überzeugt, dass die Arbeit an sich selbst und die persönliche Entwicklung immer auch eine politische Dimension haben. Wir werden von den gesellschaftlichen Strukturen geprägt, in denen wir leben. Sich persönlich weiterzuentwickeln heißt daher auch, diese Strukturen zu prüfen und kritisch zu hinterfragen – und genau das ist eine Voraussetzung für gesellschaftlichen Wandel.

Aktuell fällt es in diesen unsicheren Zeiten manchmal schwer den Mut zu bewahren. Wie bleiben wir verbunden und können an einer besseren Zukunft mitwirken?

Christina Münk: Erich Fromm schrieb 1976: „Das physische Überleben der Menschheit hängt heute von einer radikalen Veränderung des Herzens ab“. Dieser Gedanke ist jetzt, 50 Jahre später, aktueller denn je. Wir leben in extrem herausfordernden Zeiten und viele spüren: So kann es nicht weitergehen. Gerade deshalb ist es wichtig, sich bei der inneren Arbeit auch mit Gleichgesinnten auszutauschen. Das hilft zu erkennen, dass man mit dem Wunsch, persönlich und gesellschaftlich etwas zum Besseren zu verändern, nicht allein ist.

In meinen Workshops schaffe ich bewusst Raum für diesen Austausch – und die Teilnehmenden nutzen das sehr gerne. Denn wir alle wünschen uns, unseren eigenen Weg zu gehen und gleichzeitig Teil einer Gemeinschaft zu sein, in der wir gesehen, respektiert und wertgeschätzt werden.

Sie heben hervor, dass Entscheidungen oft „nur einen Gedanken entfernt“ sind – wie passt das zu der oft langen und schwierigen inneren Veränderung?

Christina Münk: Persönliche Entwicklung ist meiner Erfahrung nach beides: ein langfristiger, oft auch langwieriger Prozess und immer wieder auch ein spontanes Ereignis, das zu einer neuen Entscheidung führt. Ich habe oft erlebt – bei mir selbst und bei anderen –, dass ein Impuls, ein Gedanke oder ein einzelner Satz plötzlich etwas in Bewegung bringen kann.

In Beratung, Therapie oder in Workshops sind das tolle Momente: wenn ein Satz plötzlich auf eine ganz besondere Weise wirkt und nicht nur die Gedanken verändert, sondern einen Raum im Inneren öffnet, der sogar körperlich spürbar wird.

Mein Wunsch ist es, dass Menschen aus meinen Veranstaltungen mit einem neuen Gedanken herausgehen, der in ihnen weiterarbeiten und ihre nächste Entscheidung bereichern darf.

 

Veranstaltungstipps:

Wie will ich leben?

Den inneren Kompass ausrichten

Sa, 19.09.  I 10-14 Uhr I 35 € I Nr. 3232BR

 

Den Menschen feind?

Wie eine hoffnungsvolle Misanthropie uns jetzt helfen kann. Vortrag mit Austausch

Fr, 06.11. I 18-19.30 Uhr I 10€ I Nr. 6244F

 

Mit mir auf meiner Seite

Die Kraft der Selbstfreundschaft entdecken

Sa., 28.11. I 10-14 Uhr I 35 € | Nr. 3230BR

 

Fotos: Christina Münk/Agung Pandit Wiguna

In Bewegung kommen, wenn alles stillsteht

Qigong in der Trauerarbeit

Bernadette Calenberg ist als Qigonglehrerin freiberuflich im Bereich Gesundheit/Entspannung und in der Trauerbegleitung tätig. Sie arbeitet ehrenamtlich für den Kölner Verein TrauBe (Trauerbegleitung für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene).

Bernadette Calenberg ist als Qigonglehrerin freiberuflich im Bereich Gesundheit/Entspannung und in der Trauerbegleitung tätig. Sie arbeitet ehrenamtlich für den Kölner Verein TrauBe (Trauerbegleitung für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene). Portrait, Calenberg

Der Verlust eines geliebten Menschen kann das Leben radikal verändern. Nichts fühlt sich mehr vertraut an, oft dominieren Schock, Erstarrung und eine tiefe innere Lähmung. Gerade in der Erwachsenenbildung, in der biografische Brüche und Risse Raum finden, stellt sich die Frage: Wie können Erfahrungsräume gestaltet werden, die Menschen in solchen Lebensphasen unterstützen?

Der Ansatz von Bernadette Calenberg liegt im Qigong – eine jahrtausendealte Praxis aus der Traditionellen Chinesischen Medizin. Übersetzt bedeutet „Qi“ Lebensenergie, „Gong“ steht für beharrliches Üben. Im Kern geht es also darum, die eigene Lebenskraft bewusst zu pflegen und in Fluss zu bringen.

Wie würden Sie das Qigong-Üben mit Trauernden beschreiben?

Es ist eine sanfte Einladung, dem Stillstand des Todes mit ruhigen, fließenden Bewegungen zu begegnen. Qigong kann Trauernden helfen, innerlich in Bewegung zu kommen, wieder Tritt zu fassen, um herauszufinden aus dem tiefen Loch. Man übt in der Hoffnung, dass sich die Erstarrung allmählich lösen kann, und man vertraut darauf, dass die langsamen, sich wiederholenden Bewegungen des Körpers nach und nach auch das Innere, die Seele, erreichen und den Trauerprozess auf positive Weise begleiten.

Zwischen Akzeptanz und Veränderung

Ein zentrales Prinzip im Qigong ist das Zusammenspiel von Gegensätzen: Ruhe und Bewegung, Spannung und Entspannung, Loslassen und Aktivität. Diese Dynamik spiegelt sich auch im Trauerprozess wider. Verlust und Neubeginn sind keine Gegensätze, sondern Teil eines kontinuierlichen Wandels.

Für die Bildungsarbeit eröffnet sich hier ein wertvoller Ansatz: Qigong kann helfen, Akzeptanz nicht als passives Erdulden, sondern als aktiven Prozess zu erleben. Indem Teilnehmende lernen, sich auf Bewegung einzulassen, erfahren sie, dass Veränderung möglich ist – in ihrem eigenen Tempo.

Rituale der Selbstfürsorge

Die Übung kann als heilsames Ritual in der Trauer gesehen werden. Die Sequenz von fließenden Bewegungen wird so lange geübt, bis der Ablauf als intuitives Körperwissen gespeichert ist. Nach einer gewissen Zeit »passieren« Schritte und Bewegungen wie von selbst. Das Denken tritt in den Hintergrund, das Spüren in den Vordergrund. Man lässt sich tragen vom Fluss der Übung. Es ist leicht vorstellbar, dass diese Art der ruhigen körperlichen Betätigung einem Trauernden gut tun, Halt und Sicherheit geben kann in einer Situation, in der alles aus den Fugen zu geraten scheint. Diese Erfahrung kann als Ressource wirken. Teilnehmende berichten häufig, dass sie sich während der Übungen „getragen“ fühlen oder für einen Moment Abstand von belastenden Gedanken gewinnen. Qigong wird so zu einer Form praktizierter Selbstfürsorge.

Bewegung als Zugang zur Seele

Credit: leoon liang

Credit: leoon liang

Trauer zeigt sich nicht nur emotional, sondern auch körperlich: Schlaflosigkeit, innere Unruhe oder Verspannungen sind häufige Begleiter. Qigong setzt genau hier an. Durch langsame, wiederholende Bewegungen wird der Körper sanft aktiviert – ohne Leistungsdruck, ohne Zielorientierung.

Gerade diese Reduktion wirkt: Während der Geist oft kreist, schafft der Körper einen Zugang zu etwas Grundlegendem – dem Spüren. Die Übungen laden dazu ein, aus der inneren Starre herauszutreten und wieder in Bewegung zu kommen. Dabei entsteht eine Form von Stabilität, die nicht kognitiv erarbeitet, sondern körperlich erfahren wird.

Rhythmus der Natur

Die Natur kann in ihrer Schönheit, Erhabenheit und ihrer Kraft etwas sehr Tröstliches sein und Geborgenheit geben. Es ist nicht unbedingt notwendig, Qigong unter freiem Himmel zu üben, um das Gefühl des Eingebundenseins in die Natur entstehen zu lassen.

Bilder, die tragen

Einen Bezug zu den natürlichen Kräften schaffen vor allem die vielfältigen inneren Bilder, die das Üben begleiten: sei es die Vorstellung von der Ruhe des Mondes, der Verwurzelung des Baumes, der Leichtigkeit der ziehenden Wolken und des Vogels, der sich mit kraftvollen Flügeln emporschwingt. Sie eröffnen einen imaginativen Raum, der besonders für Menschen in Trauer zugänglich sein kann: Worte fehlen oft – Bilder hingegen wirken unmittelbar.

Diese Verbindung von Körper, Atmung und Vorstellungskraft schafft einen ganzheitlichen Prozess. Teilnehmende erfahren sich nicht nur als denkende, sondern als fühlende und wahrnehmende Menschen.

Wo liegen die Grenzen?

So wirksam Qigong sein kann: Es ist kein Allheilmittel. Nicht jeder Mensch findet Zugang zu meditativen, langsamen Praktiken. Entscheidend sind Freiwilligkeit und die Offenheit, sich auf innere Prozesse einzulassen. Qigong sollte als Angebot verstanden werden – als Einladung, neue Erfahrungen zu machen. Gelingt dies, kann es ein kraftvolles Instrument sein, um Menschen in schwierigen Lebensphasen zu begleiten.

Denn manchmal beginnt Veränderung mit einer kleinen, achtsamen Bewegung.

 

Probieren Sie es aus:

Halt und Trost

Qigong als heilsame Kraft in der Trauer

07.11. I 10-15 Uhr I 32€ I Nr. 5235BR

 

INFOBOX

Mitten im Leben – Tod, Sterben und Trauer

In Kooperation mit: Ausbildung Ehrenamtlicher Seelsorgender und Lutherkirche Nippes

 

Gefühlswelten

Trauer im systemischen Blick

16.09.2026 I 19-21 Uhr I kostenlos I Nr. xxxxBR

Credit: Rogge und Jankovic

Credit: Rogge und Jankovic

 

Erde zu Erde

Den Tod mitgestalten – Urnen aus Lehm

  1. und 14.11. I 12-16:30 Uhr I 180€ I Nr. 7223F

 

Gutes Abschiednehmen

Wissen und Erfahrungen für die erste Zeit der Trauer

23.11. I 18-20 Uhr I kostenlos I Nr. xxxxBR

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